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Kritiken/Interviews

Noah23 - Jupiter Sajitarius

„Isn't really what but it's how I say it“

Da ist er wieder, der Kanadier mit dem inflationären Fremdwörterausstoß, und präsentiert sein neustes Werk, erschienen über 2ndrec. Nach seinen ersten beiden echten LP's „Neophyte Phenotype“ und „Quicksand“ beschert uns das „Glossolalia Ganglion“ einmal mehr Songs voller kryptischer Aussagen und wahnwitzigen Gebrauch von Worten, die oft mit Astrologie, Mythen oder Technologie zu tun haben. Fans wissen, nach dem Genuß eines Noah 23-Songs steht zu allererst ein riesengroßes „Was bitte sehr sollte DAS bedeuten??“ im Raum und auch auf „Jupiter Sajitarius“ soll uns diese Frage nicht unbeschäftigt lassen.

Noah 23 kommt aus Guelph in Kanada und wer Guelph kennt, für den wird einiges klar. Guelph ist ein Sammelbecken aller möglichen Randkulturen und Gruppierungen, eine Art künstlerisch-schöpferischer Schmelztiegel. Genies und Wahnsinnige treffen sich abends in den zahlreichen Zentren und Clubs, um ihre Kunst zu leben. Und ein Genie ist Noah gewiss. Er macht sich die Sprache zum Sklaven, benutzt Wörter wie Farbe und schafft sich so seine eigene Nische in der Musikwelt. Man könnte seinen Stil als ein rhythmisches Reden mit fremden Zungen bezeichnen, aber in Trance ist er dabei sicher nicht, denn seine Lyrics sind trotz all den komplizierten Ausdrücken messerscharf und gehen alle in eine Richtung, nämlich nach vorne und dem Zuhörer direkt durch das Trommelfell ins Hirn. Und dort löst seine „Zeta Rhetoric“, wie er die Art des Sprechens nennt, eine wahre Reizüberflutung aus. Die schnellen Wechsel zwischen entspanntem Rap und Herunterpredigen von Fachjargon in Lichtgeschwindigkeit knallen bei jedem Song und man ertappt sich immer wieder dabei, zuhören zu wollen aber daran zu scheitern, einerseits wegen der irrsinnigen Geschwindigkeit und andererseits wegen der Wörter, die man einfach nicht kennt. Kostprobe?

“tiamat jihad megahertz. insect network. search engine.
red dirt. nervous system.
amethyst silhouette jettison. event horizon.
ten mountains moved with a pen named fountain.
accountant. afterhours sour faceplant.
pantomime saw palmetto wasteland.
war cry. saw myself in half.
at the puppet show with an albino buffalo giraffe.
wax ecstatic in a padded room.
the absolute grass root passion fruit and fibre optical illusions.
like pulling out table cloths when i'm in goth castles.
paint myself into a coroner's office.
cut and paste take flight. avatar condore.
the patented patron saint john's wort.
making a hardcore batch of pods hatch a potlatch of launch pads.
cardiac arrest. mandelbrot heart attack.
peacock angel. with the pantheon.
molly ringwald glossolalia ganglion.
halcyon vector crescendo. diagnol anchor.
canker sore. faith no more. one in the chamber.
rotisery oblivion. slingvolt shiskabob.
squeeky fromme. symbiot.
”
Imhotep” aus dem Album “Quicksand”)

„Jupiter Sajitarius“ beinhaltet 16 Songs, die sich ihre lyrische Komplexität bewahren aber musikalisch in eine andere Richtung gehen als die Songs der vorangegangenen Alben. Sowohl auf „Neophyte Phenotype“ als auch auf „Quicksand“ überwogen die düsteren Töne, beide LP's waren vom Klang her bedrückend und schwer (was durchaus nichts negatives ist!). Die neue LP ist bei weitem optimistischer, fast schon fröhlich. Die meisten Songs klingen nach einem sehr zufriedenen und entspannten Noah 23, besonders Songs wie "Photo Soul Decay", "Camera Shy" oder das grandiose "Quicksilver" haben etwas von Sommer, Sonne und gute Laune. Sehr ungewöhnlich für Noah aber trotzdem überaus angenehm. Erstaunlich ist, wie seine Texte auch auf diese Töne passen, der Mann versteht es einfach, Betonung und Wortfluß auf die Musik anzupassen.
Sehr positiv aufgefallen ist mir, wie ausgewogen die Tracks auf dem Album verteilt sind, meiner Meinung nach ist „Jupiter Sajitarius“ die erste richtig runde LP von Noah, was das komplette Durchhören betrifft. Frühere Releases, auch inoffizielle Alben wie „Mitochondrial Blues“ oder „Sigma Octantis“, waren zwar von den Tracks her fantastisch, aber es wollte beim Hören nie das Gefühl aufkommen, dass es sich um ein in sich geschlossenes Werk handelt. Die neue LP wirkt dagegen reifer und professioneller, trotzdem lässt Noah nach wie vor die Sau raus, auf musikalische Konventionen wird gepfiffen und das getan, was Spass macht, genau so klingt „Jupiter Sajitarius“. Wie vielseitig der Mann ist, zeigt sich auch bei den Songs der melodiös-melancholischeren Art, ein Stil, den er wohl einfach nicht ganz ablegen kann und hoffentlich auch nie wird. Glanzbeispiel hierfür: "Petit Mort", der letzte Track auf dem Album. Sanfter Klaviereinsatz und eine leidenschaftliche Liebeserklärung an seine Kunst und seine Art zu leben, dass sind die Momente, an denen Noah am meisten beeindruckt.
Auch "As Below So Above" zeigt, wie gut sein Rapstil zu eher traurigen Tönen passt. Aber bei „Jupiter Sajitarius“ wird man nicht die gesamte Spiellänge über von schweren Songs deprimiert sondern wieder von freundlicheren Stücken an die Sonne geführt.
Die erste Singleauskopplung aus diesem Album ist "Chicken Pox", was man wohl getrost als kryptischsten Partytrack aller Zeiten bezeichnen kann. Mit rasender Geschwindigkeit parodiert Noah hier das ein oder andere Hip Hop-Klischee und kommt mit den sehr schnellen Strings wunderbar zurecht. Und das der eher abstrakte Sound eines Noah 23 trotzdem noch viel mit Hip Hop zu tun hat, beweisen die schönen Cuts und Scratches am Ende.

Noah 23 hat es also wieder geschafft, ein sehr überzeugendes Album zu kreiern, bei dem wirklich jeder etwas für seinen Geschmack finden sollte. Vielleicht möchte ja doch der ein oder andere die Texte verstehen und in dem Falle sei soviel gesagt, wer einmal in die unglaublich intelligente, kreative und abstrakte Welt seiner Lyrics eintaucht, hat die nächste Zeit zu tun!

Tracklisting:

01. Lizard Lion Eagle
02. Photo Soul Decay
03. Old Earth
04. As Below So Above
05. Chicken Pox
06. Godhead Omlet
07. Freelance Zenarchist
08. Scream
09. Quicksilver
10. Camera Shy
11. Nova Toast
12. Marshes
13. Dead Owl Skunk
14. Turtle Bear
15. Zapata Physicians
16. Petit Mort